Logbuch des Textfabrikanten.
vielleicht wieder stücke schreiben. ich bin mir aber nicht sicher ob genug material in mir vorhanden ist für ein theaterstück. sprechtheater für unsere zeit? brecht sprach von der technischen produktion von literatur. wie sollen wir denn sprechtheater vermitteln wenn dieses fest in der hand des staates und der kleinbühnen ist. einmal abgesehen von den ökonomischen problemen ist mir die sinnstiftung in meiner literatur abhanden gekommen. ich stehe mehr bei beckett als bei brecht näher bei kafka als bei sartre. die existentielle seite von becketts ende – das mögliche oder tatsächliche ende bei beckett ist mir näher als das historische und soziale elend das aus krieg und not in mutter courage geboren wird. das moralische dilemma brechts hat sich bei mir verflüchtigt. geblieben ist das existentielle dilemma von beckett. überhaupt scheint mir unsere zeit an zuviel an moral zu leiden. das richtige – das oft das falsche ist und umgekehrt – vernichtet jeden handlungsimpuls schon im denken. der mut zum handeln fordert den mut sich schuldig zu machen. da bin ich wieder bei sartre und seinen helden. es bräuchte ein theaterstück das unabhängig von den heutigen produktionsmechanismen funktioniert. unabhängig von den überteuerten kleinen häusern. es bräuchte unabhängigkeit von den überzüchteten tonanlagen und lichtspektakeln. vielleicht ist es wirklich die performancekunst die uns heute überhaupt noch sinn geben kann. doch dafür bin ich nicht gemacht. ich bin ein konservativer autor. und da bin ich wieder bei brecht und beckett. ich bin auf das wort fixiert. doch was für ein stück könnte dem wort heute noch gewicht geben – in einer zeit da der sprachliche ausdruck eine seltsame mischung aus gestammel und small talk ist. brecht hat einmal vom wort im kopf gesprochen. sartre davon dass der mündige leser einen text weiterschreibt und umschreibt. neuschreibt. im kopf sollte die literatur entstehen. wie andré heller die abenteuer im kopf entstehen lassen wollte. im herzen hat die literatur nichts verloren. dort wirkt sie nur kurzfristig. wie ein betäubungsmittel das den schmerz bis zum arztbesuch betäubt. im kopf ist das wort nachhaltig. dort kann es sich einnisten und bestehen. nur im denken und sprechen und gehörtwerden ist das wort heimisch.