Logbuch des Textfabrikanten.
lieber r.
danke für deine ausführliche antwort. seit deinem letzten mail sind wieder ein paar tage ins land gezogen und die haben die lage nicht verbessert.
nun ich habe hitlers geburtstag hinter mich gebracht. am dienstag hat mein sohn geburtstag. a.b. kommt nach österreich und ich werde zu seiner lesung gehen. auch am dienstag und am mittwoch habe ich eine bachmann prüfung beim literaturgott h. (positiv gemeint) und am freitag arbeitsamt termin und am freitag geburtstagsfeier für meine sohn und fünf geladene freunde. und dann kommt ein wochenende.
also auf dein letztes mail kann ich im einzelnen nicht antworten. bin zu müde dafür. aber ich kann dir ein paar erkenntnisse mitteilen die dich vielleicht interessieren könnten. nun wenn nicht dann hörst jetzt einfach hier zu lesen auf. und ich wünsch dir noch einen schönen restsonntag.
nun zu der eigentlich sache. es geht nicht um die frauen. es geht nicht ums studium. es geht darum dass ich langsam zu begreifen beginne dass es tatsächlich zu ende geht. damals in wien. als ich noch nicht verheiratet war hatte ich eine ähnliche situation. mit den zwei frauen die mich an den rand der verzweiflung brachten. und nachträglich muss ich sagen trage ich einen gewissen anteil an dem absturz von damals. ich habe meinen glauben verloren dass die liebe alles retten und ich habe auch die hoffnung verloren dass es eine politische erneuerung in diesem land geben könnte. und wie sich zeigt sind alle meine versuche dem politischen noch geltung zu verschaffen gescheitert. und die piraten in österreich sind ein abklatsch von dem was in deutschland passiert. und selbst in deutschland sind sie ja nur eine politische karikatur. da erstickt im keim schon etwas das sich zu einer hoffnung entwickeln hätte können.
und nun geht es an die letzten dinge. ans schreiben. ans leben. da sind die frauen und die politik und der damit verbundene glauben es könnte ja doch noch zu einer wende kommen ein fliegenschiss dagegen. mein studium ist ja nicht wie für viele studenten und studentinnen - für das junge volk wie ich es nenne - kein aufbruch sondern ein ende. es wird wie ich es an anderer stelle an einen anderen freund formuliert habe: keiner weiss besser als du dass ich im grunde ein lehrer bin. manchmal ein oberlehrer. der steckt in mir wie ein geschwür das sich nicht ausrotten lässt. ein geschwür das immer wieder wuchert. da hilft keine ästhetische und wissenschaftliche oder politische oder soziale chemotherapie. das geschwür ist da. und nach jeder chemotherapie kommt es zurück und wuchert an einer anderen stelle meines daseins. es ist da. und irgendwann einmal wird es so groß geworden sein dass es jeden künstlerischen impuls in mir abtöten wird. und mein studium ist ja begonnen mit dem endzweck lehrer zu werden. das heißt dieser zeitpunkt rückt von monat zu monat näher. und meine energien erlahmen von monat zu monat. so als würde ich in einen ästhetischen abgrund blicken der schule heisst..
ja und dieser ästhetische abgrund lauert auf mich am ende eines langen zähen weges an dessen wegrand ich nützliches und unnützes wissen aufsammle wie walderdbeeren bei einer wanderung durch die berge meines wohnortes. und dieser ästhetische abgrund lauert auf mich jetzt da ich endlich das gefühl habe so etwas wie eine eigene ästhetik gefunden zu haben. für mein schreiben. nun lassen wir das mit dem eigenlob. und natürlich weiß ich dass ein leben als lehrer mein schreiben nicht ersticken wird. aber es wäre die preisgabe meiner letzten
lebensutopie die mir in all den jahren geblieben ist. die literatur. ingeborg bachmann schreibt in den frankfurter vorlesungen: So ist die Literatur, obwohl und sogar weil sie immer ein Samelsurium von Vergangenem und Vorgefundenem ist, immer das Erhoffte, das Erwünschte, das wir ausstatten aus dem Vorrat nach unserem Verlangen – so ist sie eine nach vorn geöffnetes Reich von unbekannten Grenzen. (…) Aber Literatur ist ungeschlossen, die alte so gut wie die neue, sie ist ungeschlossener als jeder andere Bereich – als Wissenschaften, wo jede neue Erkenntnis
die alte überrundet -, sie ist ungeschlossen, da ihre ganze Vergangenheit sich in die Geegnwart drängt. (…) Wären nicht auch auf seiten der Werke diese utopischen Voraussetzungen, so wäre die Literatur, trotz aller Anteilnahme, ein Friedhof. Wir hätten nur mit Kranzniederlegungen zu tun. Dann wäre jedes Werk durch ein anderes abgelöst und verbessert worden, jedes beerdigt worden durch ein folgendes.
und dieses nach vorn geöffnete reich beginnt sich zu verflüchtigen. mein roman will und will nicht voranschreiten. was bleibt sind gedichte. mitteilungen. alles fragmet und stückwerk. ein anderer als ich würde sagen: das ist das wesen des modernen menschen und ich würde nur nachholen was die moderne als programm um neunzehnhundert entwickelt hat. aber wenn dem so ist. dann bleibt einem ja nur das scheitern. und der einzige unterschied zwischen dem scheitern der menschen ohne kunstproduktion ist das ich literarisch scheitere.
nun gut vielleicht macht das ja den kern meines lebens aus. literarisch zu scheitern. so wie andere beruflich scheitern. aber in meinem fall wäre das ja das gleiche. ich würde beruflich scheitern. weil ich schreiben immer auch als meinen beruf erachtete. ich habe im langläufigen sinne kein hobby. vielleicht noch ein zwei laster. aber ein hobby im sinne des nutzlosen zeitvertreibs das besitze ich nicht. selbst bei den wenigen spaziergängen die ich noch in den umliegenden wäldern mache schreibe ich.
nun gut. genug gesagt über das unsagbare. wir werden sehen was die nächsten tage bringen. und ich bin froh dass sie angefüllt sind mit alltäglichkeiten. denn die sozialen verhälntisse in meiner familie bewahren mich vor einem ereignis wie ich es kurz vor der jahrtausendwende erlebte. denn ich bin mir ziemlich sicher dass es diesmal nicht so glimpflich ablaufen wird wie damals. denn damals hat mich eine frau davor gerettet einfach liegen zu bleiben. und ich konnte so noch einmal zu einer großen geste ausholen. diesmal wäre ich glaube ich nicht mehr in der lage diese große geste zu leisten. und es gibt keine frau mehr die mich retten könnte. eine hat mich schon gerettet. und mit der lebe ich und die liebe ich. was mir noch zu tun bleibt: meinen kindern einen weg zu ebnen der nicht so endet wie meiner. dass sie ihren weg finden können. selbstbewusst und offen. nicht so ängstlich und kleinmütig wie ich meine wege gegangen bin.
ich wünsche dir noch einen schönen sonntag.