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Logbuch des Textfabrikanten.

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20120610

ich muss noch einmal beginnen. ich muss noch einmal dort beginnen wo es immer beginnt und wo es immer endet – bei den toten. beginnen muss ich bei dem ersten toten der für mich von bedeutung gewesen war. der tod meines großvaters mütterlicherseits kam nicht unvorhergesehen. jenseits der neunzig erwartete ich ihn stündlich. ich war darauf eingestellt. dennoch traf er mich unvorbereitet. an einem siebzehnten oktober nach der jahrtausendwende hat alles begonnen was hierher geführt hat. in diese dachkammer. in diese stunde. der herbst hatte sich an diesem oktobermorgen unvermutet über die stadt geworfen. der wind trieb heftige regengüsse durch die straßen wiens als ich telefonisch davon in kenntnis gesetzt wurde dass mein großvater aus meinem Leben geschieden sei. sein begräbnis war schlicht gemessen an dem pompösen aufmarsch den sie den toten in himmelzelten für gewöhnlich angedeihen ließen. es gab keine blasmusik. keinen gleichschritt. er wurde nicht auf einer bahre von der kirche über den marktplatz hinaus zum friedhof gebracht. keine weihevollen worte eines priesters. kein schluchzen. kein raunen. keine guten wünsche. keine kranzniederlegungen. all das wollte sich mein großvater ersparen. er wollte nicht in wien begraben werden. nicht unendlich ruhen in der stadt aus der er geboren wurde und die er mit gutem grund verlassen hatte. eine rückkehr war für ihn nie in frage gekommen. nicht einmal als toter. auch wenn meine mutter ihn gerne heimgeholt hätte ins familiengrab. mein großvater verfügte eine einäscherung. in seinem tagebuch hat er drei tage vor seinem tod notiert: <i>Ich möchte nicht in einem Sarg begraben in der Erde liegen. Die Böden hier in Himmelzelten, nahe am See, sind feucht und morastig. Hier sind schon die Oktobertage kühl und neblig. Noch bevor der November ins Land zieht, hat sich der Winter längst in den Bäumen eingenistet. Dort hockt er und wartet auf den ersten Schnee, mit dem er gleich einem Freund um die Häuser ziehn kann und alles und alle starr macht und steinern. Ich möchte in einer Urne ruhen. In einer Nische. Von Stein umgeben, der selbst in den kältesten Wintern noch die Sonne einfängt und seine Wärme an mich abgibt. und so wurde es eine verabschiedung. nicht in der kirche. beim bestatter. sein glaube an gott war ihm im krieg abhanden gekommen.

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